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Als Quereinsteiger bewerben: «Für einen Quereinstieg braucht es Mut»

Vom Bäcker zum Lehrer oder vom Autolackierer zum Sozialarbeiter: Immer wieder entscheiden sich Menschen, den Beruf zu wechseln – und einen Quereinstieg zu wagen. Was man als Quereinsteiger neben angepasstem Bewerbungsschreiben sonst noch beachten sollte, erklärt Lukas Kohler, Berufs-, Studien- und Laufbahnberater, Laufbahnzentrum der Stadt Zürich im Interview.

quereinsteiger arbeiten in verschiedensten Berufen

Ben Seiler: Wie funktioniert ein Quereinstieg am besten? 

Lukas Kohler: Indem man sich selbst und seine Qualitäten gut verkaufen kann – ganz nach dem Motto: „Was kann ich besonders gut?“ Ausserdem muss man den Entschluss für den Quereinstieg gut begründen können. Wer mit der Hoffnung „es lässt sich schon was für mich finden“ zum Bewerbungsgespräch geht, kann auf dem Absatz kehrtmachen.

Also ist ein Quereinstieg von der persönlichen Einstellung abhängig?

Nicht nur. Es hilft auch sehr, wenn man offen auf Leute zugehen und im neuen Bereich Kontakte knüpfen kann. Mit Offenheit und einer positiven Ausstrahlung gegenüber neuen Bekanntschaften lassen sich schneller Brücken bauen, und damit besser in neue Bereiche einzusteigen. Einige können das extrem gut, andere haben damit mehr Mühe. Wichtig ist, dass man überfachliche Qualifikationen benennen kann, da sich diese zum Teil auch in einen anderen Bereich mitnehmen lassen.

Was genau meinen Sie mit überfachlichen Qualifikationen?

Das sind in der Regel Qualifikationen, die unabhängig vom Inhalt der Tätigkeiten sind. Gemeint sind zum Beispiel Erfahrungen im Projektmanagement oder Führungs-Skills, die sowohl im beruflichen als auch im ausserberuflichen Kontext erworben wurden. Dem gegenüber steht das Fachwissen, in dem es um Wissen in einem ganz spezifischen Gebiet geht – wie etwa Programmierkenntnisse einer ganz bestimmten Programmiersprache bei einem Informatiker.

Kann ich mich auch als Quereinsteiger auf einen Job bewerben, obwohl im Stelleninserat nichts von einem Quereinstieg steht?

Lieber nicht. Man kann zwar als ersten Schritt zuerst telefonisch nachfragen, wobei man ganz klar aufzeigen sollte, warum man denkt, dass auch ein Quereinstieg sinnvoll sei. Doch normalerweise suchen diese Firmen dann Fachpersonen, die die Stelle innert kürzester Zeit besetzen und den Job schnellstmöglich machen können. Als Quereinsteiger hat man da meistens keine Chancen.

Gibt es Jobs oder bestimmte Bereiche, die sich für einen Quereinstieg besser eignen? 

Klar gibt es Bereiche, in denen Fachkräftemangel herrscht und ein Quereinstieg durch eine bessere Organisation leichter ist. Der Gesundheitsbereich wäre ein Beispiel. Aber vielmehr als Bereiche gibt es verschiedene Arten von Quereinstiegen.

Zum Beispiel?

Einmal wäre das ein strukturierter Einstieg, bei dem ein EFZ oder die Maturität als Grundlage dient und man dann mit einem Programm beim Arbeitgeber weiter ausgebildet wird – so wie bei Trampiloten, Lokführern oder Lehrern. Dann gibt es Einstiege mit verkürzten Ausbildungen, wie es in der IT der Fall ist. Man kann mit einem EFZ, auch aus einem anderen Bereich, innert zwei Jahren plus Praktikum eine verkürzte Ausbildung zum Informatiker EFZ machen. Zuletzt gibt es noch den selbstgestalteten Einstieg. Der geschieht häufig über ein Praktikum oder durch eine Einarbeitung, mit der man sich Schritt für Schritt mit der neuen Funktion vertraut macht. Noch fehlendes Wissen eignet man sich dann mit einer berufsbegleitenden Weiterbildung an. Aber einen allgemeinen Quereinstieg gibt es nicht.

“Einen allgemeinen Quereinstieg gibt es nicht.”

Zu welchem Zeitpunkt sollte man einen Quereinstieg wagen?

Idealerweise dann, wenn man wirklich will. Aber bloss nicht als Plan B, wenn Plan A nicht funktioniert hat. Natürlich gibt es Situationen, die als Anlass für einen Umstieg in einen neuen Bereich genommen werden, wie etwa eine Entlassung. Aus der Not heraus sollte man aber auf keinen Fall einen Quereinstieg machen.

Was braucht es für einen Quereinstieg?

Es bedarf an Zeit und Mut, ein Quereinstieg geht nicht von Freitag auf Montag. Es braucht die Fähigkeit, sich ein Netzwerk aufzubauen und zu nutzen. Aber genauso muss man beharrlich sein, eine gute Begründung haben und ein gewisses finanzielles Polster besitzen. Das braucht es im Falle eines tieferen Lohns als Praktikant oder Berufseinsteiger, obwohl der Lohn in einigen Fällen auch höher sein kann – was meist erst nach dem Abschluss oder bei genügend Erfahrung auf dem Gebiet der Fall ist. Oder – und das ist häufig der Fall – man muss teure Weiterbildungen absolvieren, die man selber finanzieren muss.

Nützen für einen Quereinstieg auch private Erfahrungen?

Wenn jemand gerne privat Möbel aus Holz baut und fortan als Schreiner oder Zimmermann arbeiten möchte, dann kann die Person das auf natürliche Art und Weise in das Bewerbungsschreiben integrieren. Das ist zwar noch keine Garantie für eine Anstellung, aber es gibt Öl ins Getriebe und erhöht die Chance für eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Willst auch du einen Quereinstieg wagen?

Hier findest du alle offenen Stellen als Quereinsteiger

Wie sollte eine Bewerbung eines Quereinsteigers aussehen?

Zum einen müssen Vorerfahrungen aus der bisherigen Biografie, die in der neuen Funktion wichtig sind, in der Bewerbung ganz klar hervorstechen! Dasselbe gilt auch fürs Anschreiben, in dem die Gründe für den Umstieg oder Einstieg transparent gemacht werden müssen. Der rote Faden der persönlichen Entwicklung, wie es zum Quereinstieg gekommen ist, muss sichtbar sein. Für den Arbeitgeber ist es natürlich wichtig, dass der Quereinstieg kein Schnellschuss oder eine kopflose Flucht ist, und man sich nach einem halben Jahr wieder verabschiedet.

Zum anderen ist es hilfreich, wenn bereits Einblicke in das Gebiet gemacht wurden und diese die Entscheidung für den Quereinstieg bestärkt haben. So kann auch nachvollziehbar begründet werden, aus welchem Grund man sich explizit für diese Funktion bewirbt und kann evtl. auch nach dem Ausschlussprinzip argumentieren, weil man weiss, dass die anderen Rollen nicht zu einem passen und man sich daher seiner Sache sicher ist.

Das gibt dem potentiellen Arbeitgeber Sicherheit und zeigt, dass die Idee für den Quereinstieg nicht nur ein Strohfeuer ist.

Soll das Bewerbungsdossier bei Quereinsteigern wie üblich gehalten werden oder gibt es Besonderheiten, die man beachten sollte?

Die Bewerbung als Quereinsteiger kommt einer Spontanbewerbung sehr nahe. Es ist generell wichtig, dass ein Matching zwischen dem Inhalt des Lebenslaufs, den Argumenten im Bewerbungsbrief und den Qualifikationen und Freizeitinteressen entsteht. Zentral ist auch, dass die Motivation für diesen Schritt nachvollzierbar wird. So kann der neue Arbeitgeber schnell abschätzen, ob ein erstes Gespräch sinnvoll ist oder nicht.


lukas kohler laufbahberater stadt zürichLukas Kohler arbeitet im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich als Berufs-, Studien- und Laufbahnberater und hilft Jugendlichen und Erwachsenen bei der Wahl und Gestaltung vom Beruf und Laufbahnplanung.

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Dani
sagte am August 28, 2017 at 9:05 am :

«Für einen Quereinstieg braucht es Mut» – Mut von wem? Vom Bewerber sicherlich nicht!!!

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Dani
sagte am August 28, 2017 at 9:09 am :

Solange Unternehmen selbst Bewerber mit einer Passgenauigkeit von 80 – 120 % nach Manieren aus der dunkelsten Zeit Europas selektieren brauch man sich über die Chancen eines Quereinstiegs keine Gedanken machen.

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Remo Dürr
sagte am August 28, 2017 at 12:39 pm :

Quereinsteiger kommen nur zum Zug, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Bei dem Heerschar von Bewerbern ist das so gut wie nie der Fall. Da hat auch das blinde Huhn, das zufällig ein Korn findet, keine Chance.

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Siggi Bär
sagte am August 28, 2017 at 3:39 pm :

Die Suche mit “Quereinsteiger” ergibt fast ausschliesslich Treffer im selbstständigen Vertrieb oder als Freelancer, für den Inserierenden also ohne Risiko.
Selten werden Quereinsteiger gesucht, weil es auf dem Markt schier kein Personal hat und man es selbst ausbildet, so suchen die VBZ beispielsweise Tramchauffeure.

Ansonsten ist es genau so wie Dani geschrieben hat:
Wenn man schon als Bewerber auf den aktuell ausgeübten Job für einen Arbeitgeberwechsel nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, dann hat ein Quereinstieg keinen Sinn, nicht mal in artverwandte Bereiche wie IT, Telecom und Multimedia oder Vertrieb und Verwaltung.

Es gibt nicht wenige Firmen, die ganzjährig oder aber periodisch immer wieder inserieren, um mal zu sehen, was der Markt gerade so hergibt, ohne dass dahinter überhaupt ein konkreter Job steht.
Wenn man die Jobbörsen länger beobachtet, fällt einem das schnell auf.

Auch gerne immer wiederkehrend: Auch Monate nach einer Absage wegen “sehr vieler eingegangener Dossiers” oder einem angeblich “noch besser geeigneten Kandidaten” ist das Inserat immer noch aufgeschaltet.

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Thomas T Luginbühl
sagte am August 29, 2017 at 5:01 am :

Wie recht Du hast! Dies ist nicht nur ein Problem der letzten paar Jahre. Viel schlimmer ist, dass die Chance noch genommen wird, da sehr viele Firmen Grenzgänger anstelle Quereinsteiger einstellen. Die ist jetzt gar im Wandel, da diese mit Ostblock Migranten ersetzt werden. Traurig, doch ’96 bin ich bereits aus diesem Grund Ausgewandert, heute werde ich in der Schweiz keinen Fuss mehr setzen, da in Zwischenzeit die Sachlage noch viel Schlimmer ist. Besser mit einem eigenen Kleinbetrieb anfangen als auf diese Verlogenheit aufzuspringen. Als Beispiel, in AUS hatte ich keine Change als Bäcker weiter zu arbeiten(zu teuer mit 45) eröffneten eine Reinigungsfirma, Netto Einkommen 75k/Y. Seit zwei Jahren wieder in Europa und scheint das dieses Modul hier auch Stand findet. Doch mit einem muss ich Herrn Kohler mit ziehen, Mut braucht es allemal. Und Flexibilität Änderungen in kauf zu nehmen. Mein Moto hier, wer nicht wagt findet den Gewinn nicht.

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